Die letzten Tage Europas - Wie wir eine gute Idee versenken

Buchrezension: Die letzten Tage Europas - Wie wir eine gute Idee versenken von Henryk M. Broder

Es ist mir immer wieder eine persönliche Freude, Bücher und Artikel von Henryk M. Broder zu lesen. So wie er seine Freunde und Fans hat, so hat der eckige, kantige Mann natürlich auch immer wieder seine Widersacher. Dazu kann im Fall von Henryk M. Broder nur sagen: „Viel Feind viel Ehr“. Er hat sich die Ehre erarbeitet und damit verdient.

Sein neustes Buch, das am 26.08.2013 mit dem Titel: „Die letzten Tage EUROPAS - Wie wir eine gute Idee versenken“ hat es mal wieder in sich. Sein Einstieg in dieses einzigartig realistische Werk überzeugt, dass Henryk M. Broder durch den Glühbirnenwahnsinn der EU ernsthaft ins Grübeln über eben jene EU gekommen ist.

Mit einem: Ran an die Buletten!, lädt er ein zum Lesen und teilen weiterer Fundstücke so wie Debattenbeiträge zum Thema „Die letzten Tage Europas“ www.achgut.com .

Nachfolgend ein kurzer Auszug, der einen neben nachdenklich und zornig auch amüsiert über vielleicht gar die eigene Dummheit (damit meine ich die von uns Lesern), werden lässt.

Seite 25 – Seite 28 als Kostprobe aus dem Buch „Die letzten Tage EUROPAS -  Wie wir eine gute Idee versenken“ von Henryk M. Broder. Erschienen am 26.08.2013 Copyright der deutschsprachigen Ausgabe 2013 beim Albrecht Knaus Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH unter der ISBN 978-3-8135-0567-2 zum Preis von €uro 19,90.

Auch der listige luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, einer der erfahrensten Europapolitiker, sah dunkle Streifen am Horizont aufziehen, die bis jetzt niemand bemerkt hatte: „Ich schließe nicht aus, dass wir Gefahr laufen, eine soziale Revolution zu erleben“, die Haushalte der EU-Staaten müssten zwar saniert werden, aber so, dass die „Sparmassnahmen dem Wachstum nicht schaden“. Bei Anwendung der Sparregeln sei „eine gewisse geistige und handwerkliche Geschmeidigkeit“ vonnöten. Was er sagen wollte, war: „Regeln können freihändig ausgelegt, umgangen, notfalls auch gebrochen werden, man muss es nur geschickt anstellen.

Den Vogel in Sachen Klarheit, Entschlossenheit und Gradlinigkeit schoss aber die Kanzlerin ab. Am Endes des Frühjahrsgipfel trat Angela Merkel vor die wartenden Kameras und erklärte: „Wir haben einen Wachstumspakt im Sommer vergangenen Jahres verabschiedet und jetzt wird es darum gehen, dass dieser Wachstumspakt auch mit Leben erfüllt wird... Das Geld ist da und jetzt muss das Geld zu den Menschen kommen, damit die jungen Menschen in Europa Jobs bekommen.“


Einen „Wachstumspakt“ mit Leben zu erfüllen, ist in der Tat eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, dient ein „Wachstumspakt“ doch seinerseits dem Zweck, Impulse zu vermitteln, damit eine schwache oder marode 

Ökonomie ihrerseits auf die Beine kommt und wieder laufen kann. Nur die Aufgabe, einer Mumie leben einzuhauchen, wäre noch anspruchsvoller. Man muss sich auch fragen, warum angesichts einer katastrophalen Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Griechenland und Spanien ein „Wachstumspakt“, der im Sommer 2012 beschlossen wurde, erst im Frühjahr 2013 auf den Weg gebracht wird. Was hat das Geld, das nun „zu den Menschen kommen“ soll, die ganze Zeit gemacht? Hat es in einem Café gesessen und Latte macchiato getrunken? Musste es erst eine Weile abhängen, wie Parma-Schinken? Würde Angela Merkel es nicht seltsam finden, wenn sie seit dem Sommer letzten Jahres kein Gehalt überwiesen bekommen hätte?

Am Geld scheint jedenfalls kein Mangel. Zweimal im Laufe des vergangenen Jahres hat die Europäische Zentralbank den Banken in den EU-Ländern sehr viel Geld zu extrem günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt, zusammen fast eine Billion (tausend Milliarden) Euro für eine Laufzeit von drei Jahren zu einem Zinssatz von einem Prozent. Die EZB habe, schrieben die Zeitungen, den Markt mit Geld „geflutet“, während zur selben Zeit kleine und mittelständische Betriebe klagen, dass es immer schwieriger würde, Kredite zu bekommen. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheint, kann relativ einfach erklärt werden. „Die Rekord-Finanzspritze soll eine Kreditklemme verhindern“, hieß es in einem Expertenbericht der SZ. Denn: „Die Banken leihen sich derzeit aus Angst vor Risiken in den Bilanzen kaum mehr gegenseitig Geld.“ Ein zu Rate gezogener Analyst meinte, die EZB-Mittel würden den Banken helfen, „ihre Bilanzen aufzupolieren“, die Frage sei nur, „warum sie so viel Geld brauchen“. Der Präsident der EZB, Mario Draghi, stellte klar, die Banken würden selbst darüber entscheiden, „was sie mit den frischen Mitteln machen“, man erwarte aber, „dass sie mit dem Geld die Realwirtschaft finanzierten“.

Der Ex-Goldmann-Sachs-Banker Mario Draghi tat so, als habe er ein lange gehütetes Geheimnis verraten: Die Banken sollen die Realwirtschaft finanzieren, aber ob sie es wirklich tun, das entscheiden sie nach eigenem Gutdünken. Denn die Realwirtschaft steckt voller realer Risiken. Firmen können Pleite gehen, faule Kredite müssen als Verluste abgeschrieben werden, das kann einer Bank die Bilanz verhageln. Die Alternative zur Realwirtschaft heißt Finanzwirtschaft. Wird in der Realwirtschaft aus einem Baum ein Tisch gemacht, aus einem Rind ein Tafelspitz und aus Aprikosen Marillenschnaps, macht man in der Finanzwirtschaft Geld mit Geld.

Im Falle der Banken, denen die EZB mit Milliardenkrediten zur Hilfe kam, bedeutet das: Sie wurden in die Lage versetzt, „ihre Bilanzen aufzupolieren“; indem sie sich gegenseitig Geld leihen, gehen sowohl die Umsätze wie die Gewinne in die Höhe. Dabei ist alles nur eine Frage der Buchhaltung. Das Verfahren funktioniert, solange das Geld den Bankenkreislauf nicht verlässt, also mit der Realwirtschaft nicht in Verbindung kommt.

Man kann es am besten mit einer alten jüdischen Anekdote erklären:

Schlomo besucht Mosche und sieht in dessen Wohnzimmer ein Bild an der Wand, das ihm gut gefällt. „Ich kaufe Dir das Bild ab“, sagt Mosche. „Was willst du dafür haben?“ Man einigt sich auf 100 Rubel. Ein paar Wochen später kommt Mosche zu Schlomo, sieht das Bild an der Wand hängen und sagt: „Ich möchte es zurückhaben.“ – „Geht in Ordnung, sagt Schlomo,  „aber es ist jetzt mehr wert, als ich dir dafür gegeben habe.“ Für 120 Rubel bekommt Mosche sein Bild zurück. Ein paar Wochen später besucht Schlomo wieder seinen Freund Mosche. Das Bild hängt im Salon über dem Kamin und sieht prächtig aus. Schlomo will es wieder haben. Diesmal verlangt Mosche 150 Rubel, Schlomo zahlt und nimmt das Bild gleich mit.

Und so geht es weiter, immer hin und her. Bis Schlomo eines Tages zu Mosche kommt und mit Entsetzen feststellen muss, dass das Bild weg ist. „Mosche was hast du mit dem Bild gemacht?“ – „Ich habe es an Rafi verkauf, für 200 Rubel.“ – „Wie konntest Du nur?“, ruft Schlomo verzweifelt.  „Jetzt hast Du unser schönes Geschäft kaputt gemacht!“


Und so machen es die Banken untereinander, nur ist das Rad, das sie drehen, viel größer. Aber das Prinzip ist dasselbe. Umsätze und Gewinne werden in einem geschlossenen System generiert. In der realen Welt geht es nur in Swinger-Clubs ähnlich zu: A treibt es mit B, B mit C, C mit D und so weiter, bis der Letzte wieder beim Ersten landet. Die ist nicht neu. Arthur Schnitzler hat es zu einem Bühnenstück verarbeitet: „Der Reigen“.

Auszug Ende.

Vielleicht wird jetzt schon einigen interessierten Lesern klar, das Buch und sein Inhalt ist scharf wie Dynamit. Anders ist es von Henryk M. Broder auch kaum zu erwarten.

Es geht noch viel spannender und aufklärender weiter. Wer sich das Buch „Die letzten Tage EUROPAS – Wie wir eine gute Idee versenken von Henryk M. Broder kauft und liest, dem wird sicher ein Licht aufgehen. Und sich noch einmal sein Wahlverhalten zu der jetzt anstehenden Bundestagswahl 2013 gründlich überlegen. Dabei sollte man das Buch mit Ruhe und Bedacht lesen, oder wie der Autor Henryk M. Broder selber meint:

Dieses Buch sollten Sie keinesfalls am Stück lesen.

Die Lektüre könnte sonst Ihre Gesundheit gefährden.

 

Buchcover: Die letzten Tage Europas

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DJS

 
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