Die letzten Tage Europas - Wie wir eine gute Idee versenken

Einen „Wachstumspakt“ mit Leben zu erfüllen, ist in der Tat eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, dient ein „Wachstumspakt“ doch seinerseits dem Zweck, Impulse zu vermitteln, damit eine schwache oder marode 

Ökonomie ihrerseits auf die Beine kommt und wieder laufen kann. Nur die Aufgabe, einer Mumie leben einzuhauchen, wäre noch anspruchsvoller. Man muss sich auch fragen, warum angesichts einer katastrophalen Jugendarbeitslosigkeit in Italien, Griechenland und Spanien ein „Wachstumspakt“, der im Sommer 2012 beschlossen wurde, erst im Frühjahr 2013 auf den Weg gebracht wird. Was hat das Geld, das nun „zu den Menschen kommen“ soll, die ganze Zeit gemacht? Hat es in einem Café gesessen und Latte macchiato getrunken? Musste es erst eine Weile abhängen, wie Parma-Schinken? Würde Angela Merkel es nicht seltsam finden, wenn sie seit dem Sommer letzten Jahres kein Gehalt überwiesen bekommen hätte?

Am Geld scheint jedenfalls kein Mangel. Zweimal im Laufe des vergangenen Jahres hat die Europäische Zentralbank den Banken in den EU-Ländern sehr viel Geld zu extrem günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt, zusammen fast eine Billion (tausend Milliarden) Euro für eine Laufzeit von drei Jahren zu einem Zinssatz von einem Prozent. Die EZB habe, schrieben die Zeitungen, den Markt mit Geld „geflutet“, während zur selben Zeit kleine und mittelständische Betriebe klagen, dass es immer schwieriger würde, Kredite zu bekommen. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheint, kann relativ einfach erklärt werden. „Die Rekord-Finanzspritze soll eine Kreditklemme verhindern“, hieß es in einem Expertenbericht der SZ. Denn: „Die Banken leihen sich derzeit aus Angst vor Risiken in den Bilanzen kaum mehr gegenseitig Geld.“ Ein zu Rate gezogener Analyst meinte, die EZB-Mittel würden den Banken helfen, „ihre Bilanzen aufzupolieren“, die Frage sei nur, „warum sie so viel Geld brauchen“. Der Präsident der EZB, Mario Draghi, stellte klar, die Banken würden selbst darüber entscheiden, „was sie mit den frischen Mitteln machen“, man erwarte aber, „dass sie mit dem Geld die Realwirtschaft finanzierten“.

Der Ex-Goldmann-Sachs-Banker Mario Draghi tat so, als habe er ein lange gehütetes Geheimnis verraten: Die Banken sollen die Realwirtschaft finanzieren, aber ob sie es wirklich tun, das entscheiden sie nach eigenem Gutdünken. Denn die Realwirtschaft steckt voller realer Risiken. Firmen können Pleite gehen, faule Kredite müssen als Verluste abgeschrieben werden, das kann einer Bank die Bilanz verhageln. Die Alternative zur Realwirtschaft heißt Finanzwirtschaft. Wird in der Realwirtschaft aus einem Baum ein Tisch gemacht, aus einem Rind ein Tafelspitz und aus Aprikosen Marillenschnaps, macht man in der Finanzwirtschaft Geld mit Geld.

Im Falle der Banken, denen die EZB mit Milliardenkrediten zur Hilfe kam, bedeutet das: Sie wurden in die Lage versetzt, „ihre Bilanzen aufzupolieren“; indem sie sich gegenseitig Geld leihen, gehen sowohl die Umsätze wie die Gewinne in die Höhe. Dabei ist alles nur eine Frage der Buchhaltung. Das Verfahren funktioniert, solange das Geld den Bankenkreislauf nicht verlässt, also mit der Realwirtschaft nicht in Verbindung kommt.

Man kann es am besten mit einer alten jüdischen Anekdote erklären:

Schlomo besucht Mosche und sieht in dessen Wohnzimmer ein Bild an der Wand, das ihm gut gefällt. „Ich kaufe Dir das Bild ab“, sagt Mosche. „Was willst du dafür haben?“ Man einigt sich auf 100 Rubel. Ein paar Wochen später kommt Mosche zu Schlomo, sieht das Bild an der Wand hängen und sagt: „Ich möchte es zurückhaben.“ – „Geht in Ordnung, sagt Schlomo,  „aber es ist jetzt mehr wert, als ich dir dafür gegeben habe.“ Für 120 Rubel bekommt Mosche sein Bild zurück. Ein paar Wochen später besucht Schlomo wieder seinen Freund Mosche. Das Bild hängt im Salon über dem Kamin und sieht prächtig aus. Schlomo will es wieder haben. Diesmal verlangt Mosche 150 Rubel, Schlomo zahlt und nimmt das Bild gleich mit.

Und so geht es weiter, immer hin und her. Bis Schlomo eines Tages zu Mosche kommt und mit Entsetzen feststellen muss, dass das Bild weg ist. „Mosche was hast du mit dem Bild gemacht?“ – „Ich habe es an Rafi verkauf, für 200 Rubel.“ – „Wie konntest Du nur?“, ruft Schlomo verzweifelt.  „Jetzt hast Du unser schönes Geschäft kaputt gemacht!“

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