Il Decamerone - die Rede Camerons

Von Egon W. Kreutzer

Der Vergleich von Boccaccios großem Werk, ja Sittengemälde, dessen 100 Novellen vor dem Hintergrund der Pest in Florenz (1348) spielen und darin ihren Anlass finden, mit der Europa-Rede des britischen Premiers Cameron drängt sich nicht nur wegen der Namensähnlichkeit auf.

Cameron ist wohl der einzige Regierungschef der EU, der sich einen klaren Blick auf den desolaten Zustand der EU bewahrt hat und sich nicht scheut, auszusprechen, was ihm nicht gefällt - und mit ein bisschen Fantasie kann man auch seine Rede vor dem Hintergrund jener Pest sehen, die Europas Demokratie zerfrisst und die Völker ins Elend stürzt.

Nun ist das Verhältnis der Briten zur EU schon immer ein besonderes. Auf der Insel schwärmt man nicht vom großen europäischen WIR, diesem wohl uneinlösbaren Phantom, für das in allen anderen Hauptstädten in blindem Eifer die größten Opfer gebracht werden, auf der Insel sieht man Europa als ein "Mittel zum Zweck" - als ein Vehikel, das benutzt wird, wenn damit der Nutzen des eigenen Volkes gemehrt und Schaden von ihm abgewendet werden kann, das man aber lieber auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wird, wenn es dem eigenen Staat schadet und seinen Nutzen mindert.

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