Unruhige Zeiten 2014 - Wir wollen Frieden - Es reichte ihr noch immer nicht ...

 

Inzwischen hatte sich der Himmel verfinstert, ein schweres Gewitter zog auf, und die Nacht war hereingebrochen. Trotzdem machte er sich auf den Weg.

 

Als er den Palast verließ, schlug ihm Platzregen ins Gesicht. Der Sturm umheulte die Hallen und Dächer. Unablässig dröhnte der Donner, und unablässig flammten die Blitze und verwandelten die Nacht in Tag. Ein Unwetter, wie er es noch nie erlebt hatte fuhr einher. Im Walde konnte er sich kaum gegen die herabstürzenden Zweige schützen; dicke Baumstämme, die der Orkan entwurzelt hatte, fielen um und versperrten ihm den Weg. Als er an den Stand kam, brodelte der See wie kochendes Wasser. Bergeshohe schwarze Wogen, von weißschäumendem Gischt gekörnt, rasten heran. Der Fischer war in Todesangst und schlotterte in den Knien und trat dennoch ans Ufer; keuchend und so laut er konnte schrie er in den wütenden Sturm hinein:

 

„Manntje, Manntje, Timpe Te,

Buttje, Buttje in de See,

myne Fru de Ilsebill

will nich so as ik wol will.“

 

Diesmal schwamm ihm der Fisch nicht entgegen. Aber aus der Ferne, von der Mitte des Sees her, rief eine Stimme: „Was will sie nun?“ — „Ach“, sagte der Fischer, „sie will sein wie Gott selbst.“ —

 

Kaum hatte er das letzte Wort gesprochen, da erdröhnte ein furchtbarer Donnerschlag; die Erde zitterte unter den Füßen. Ein feuriger Blitzstrahl traf die Eiche, unter der er stand, und spaltete sie von oben bis unten. Er kam mit knapper Not mit dem Leben davon, als die Baumkrone herabstürzte. Aus der Tiefe des Sees erklang eine fürchterliche Stimme, die all das Strumesbrausen übertönte: „Geh nach Hause, du Elender, zu dem Ort, wo einmal dein Palast stand, und sieh ob du dein Weib dort wieder findest.“

 

Schreckerfüllt und von Gewissenbissen gequält, blutend aus manchen Wunden, machte sich der Fischer auf den Heimweg. Der Sturm hatte sich gelegt doch nur mit Mühe konnte sich der Mann nach Hause schleppen. An der Stelle, wo einst sein stolzer Palast gewesen war, hatte sich die Erde aufgetan und das Bauwerk verschlungen. Einige Überreste, die stehen geblieben waren, hatten Feuer gefangen und waren jetzt nur noch rauchende Ruinen am Rade des Abgrunds. Entsetzt entfloh der Fischer in das Dunkel des Waldes. Als er anfing, seine Frau zu suchen, fand er sie naß bis auf die Haut und bewusstlos vor dem Eingang der Höhe, die ihre Wohnstatt gewesen war, ehe er den Fisch getroffen hatte. Es währte geraume Zeit, bis er sie ins Leben zurückrufen konnte, und dann krochen sie wieder in die armselige Höhe, von der aus sie ihren wundersamen Aufstieg begonnen hatten. Alles, was sie gewonnen hatten, war in Nichts zerronnen weil sie sich niemals mit dem Erlangten zufrieden geben konnten. Und jetzt war alles noch schlimmer als zuvor. Inzwischen war ein Teil der Höhle eingestürzt, und von ihren wenigen Habseligkeiten waren einige verschwunden, andere zerstört. Von dem Fisch, der ein verwunschener Prinz war, kam nie wieder Kunde. Wie früher ging der Fischer jeden Tag zum See und warf die Angel aus. Doch er hatte kein Glück; es schien, als seien die Fische so gut wie ausgestorben. Seine Fänge wurden von Tag zu Tag geringer, und somit lebten er und seine Frau in ihrer elenden Höhle in immer steigender Not.

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute dort.

Zitat Ende

Quelle:

Deutsche Schicksalsjahre
Kurt Assmann
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